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Dissertationsprojekt

(Betreuung: Ao. Univ.-Prof. Mag. Dr. Werner Drobesch)

Salon Jerusalem

Moshe Ya’akov Ben-Gavriêl (Eugen Hoeflich) und sein Freundeskreis im Palästina der 1930er Jahre

Mag.a Andrea M. Lauritsch

 

Mit seiner Übersiedlung von Wien nach Jerusalem im Jahre 1927 erfüllte sich der Schriftsteller, Publizist und Kulturzionist Eugen Hoeflich (1891–1965) seinen individuellen Traum von der Rückkehr  in die Heilige Stadt. Als k. u. k. Soldat war er 1917 für einige Monate in Jerusalem/Jeruschalajim/El Kuds stationiert gewesen. Die dort gemachten Erfahrungen und Beobachtungen prägten den Schriftsteller, Publizisten und Kulturaktivisten; er wird ein „Minnesänger des bräutlichen Jerusalem“, wie Else Lasker-Schüler, ihren Kollegen liebevoll in einer Widmung bezeichnet hat. Ben-Gavriêl nahm als zunächst palästinensischer, später israelischer  Staatsbürger sehr produktiv am kulturellen Leben seiner neuen Heimat teil.

Das  Haus in der Musrarah, im einstigen arabischen Viertel der Stadt, wo er mit seiner zeitweise in Tel Aviv lebenden, weil dort als Schauspielerin tätigen Frau, Mirjiam Schnabel, bis zu seinem Tod wohnte, wird Mittelpunkt seiner schriftstellerischen Tätigkeit. Dort entstand auch der Großteil seiner Tagebücher der Jahre 1927 bis 1956 (seit 1917 führte er solche Aufzeichnungen); die Einträge zu den 1930er Jahre werden, neben den journalistischen und literarischen Werken und der umfangreichen Korrespondenz, Grundlage und Ausgangspunkt für diese  kulturgeschichtliche Abhandlung sein. Gleichzeitig entstand in diesem ‚arabischen‘ Haus eine Art Salon (wie übrigens in zahlreichen Privathaushalten dieser Zeit), der als bekannter und anerkannter Treffpunkt Kulturschaffender aus dem In- und Ausland galt. (Ein Besucherbuch, ebenfalls eine eindrucksvolle Quelle, gibt darüber Auskunft.) Der gastliche Bewohner war auch vielfach gesuchte Kontaktadresse für zahlreiche Palästina-, später Israel-Reisende, die seine Landes- und Sprachkenntnisse (Hebräisch, Englisch und auch Arabisch) für Expeditionen ins Land wiederholt nutzten. Zeitweise hielt er sich auch in Tel Aviv auf, wo er über seine Ehefrau Zugang zur Theaterwelt fand.

In den 30er und 40er Jahren übte Ben-Gavriêl vorwiegend den Brotberuf des Journalisten aus. Neben seiner Tätigkeit als Vertreter der Berliner Telegraphenagentur – von 1927 bis zu seiner fristlosen Entlassung 1934 –, verfasste er für zahlreiche vorwiegend deutschsprachige Zeitschriften und Zeitungen Beiträge, die einen informativen Einblick in die Entwicklung des Mandatsgebiets Palästina, des Jischuws und seiner Nachbarn, bieten. Häufig begleiteten den einheimischen Korrespondenten Besucher und Kollegen (u.a. Arthur Koestler) aus dem Ausland, die über ihn Kontakte zu Beduinen, Chawerim (= Kibbuzniks) und britischen Verwaltungsbeamten knüpften. Seine durchwegs sympathisierenden Stellungnahmen zum jüdischen Aufbauwerk enthalten aber auch mahnende Passagen, insbesondere das Zusammenleben von Juden und Arabern sowie deren Zukunftsvorstellungen sind Gegenstand zahlreicher kritischer Anmerkungen. Die Kontakte zu Europa blieben in diesen Jahren sehr intensiv, die publizistische Zusammenarbeit mit der exilierten europäischen Intelligenz, die u.a. wie Ben-Gavriêl selbst  im „Schutzverband deutscher Schriftsteller, Zürich“ (gegründet 1933) und im „PEN-Klub Deutscher Autoren im Ausland, London 1941-1956“ organisiert war, funktionierte gut.

In dieser Zeit erschienen in einigen Sammelbänden literarische Texte von Ben-Gavriêl. Seine damals einzige Einzelveröffentlichung „Kleines Palästinabuch für Empfindsame Reisende“ erschien 1938 im tschechischen Nekudah Verlag als Nummer 2 der Documenta Judaica (Sonderheft der Jüdischen Revue), gewidmet seiner in diesem Jahr in Paris verstorbenen Schwester Renate Hoeflich, verehelichte Tyrnauer.

Ansonsten widmete er sich, wie den Tagebucheintragungen zu entnehmen ist, vordringlich der Ereignisse vor Ort, wobei er wiederholt neben schriftlichen Eingaben auch persönliche Vorsprachen bei diversen Institutionen vornahm. Die seit Ende der 20er Jahre zunehmenden Auseinandersetzungen zwischen Araber und Juden, teilweise durch eine unklare Politik der Mandatarmacht noch verschärft, beobachtete er mit zunehmender Resignation.

Mit den Ereignissen in Deutschland, aber auch in Österreich (1933, 1934, 1938), rückt Europa wieder näher. Die Flüchtlinge aus Deutschland und den übrigen von den NS-Truppen eroberten Ländern finden auch in Palästina einen Zufluchtsort und nehmen am Aufbau einer neuen Gesellschaft teil. Gerade im wissenschaftlichen Milieu – 1925 erfolgt die Gründung der Hebräische Universität in Jerusalem – kommt den Immigranten eine Schlüsselposition zu. Das „Volk des Buches“,  wie das Judentum aufgrund seiner engen Beziehung zur geistigen Auseinandersetzung mit Glauben (u. a. Tora, Talmud) und Leben betitelt wird, sieht in Bildungseinrichtungen und Bibliotheken jenes institutionelle Fundament, welches identitätsbildend für ein neues Judentum werden sollte. Ben-Gavriêl als engagierter Vertreter eines Kulturzionismus, welcher die kulturelle Rückführung des weitgehend assimilierten Judentums Europas in das ursprünglich orientalische Gedankengut propagiert, traf sich in diesen Jahren wieder mit Gleichgesinnten aus Jugend- und Studientagen. Der Historiker Hans Kohn („Von der Europäisierung des Orients“), der Zionist und Politiker Nahum Goldmann, der Philosoph und Bibliothekar Hugo Bergmann (Mitherausgeber und -autor der Encyclopaedia Judaica), der Schriftsteller Robert Weltsch („Tragt ihn mit Stolz, den gelben Fleck“) und sein Bruder Felix, um nur einige zu nennen, stehen in dieser Zeit in ständigem Kontakt mit Ben-Gavriêl. Aus den Gesprächen und Auseinandersetzungen, die von Seiten des Diaristen, aber auch in diversen (un-)veröffentlichten Tagebüchern, Briefsammlungen und einigen Memoiren der Teilnehmer festgehalten wurden, lassen sich das Ringen um die neue Existenz vor Ort, die Sorge um die existentielle Situation der Angehörigen (Judenverfolgung in Europa; Einwanderungsbeschränkung in Palästina und anderen Ländern) und der Versuch sozial und politisch mitzuwirken nachvollziehen.  Die dabei von Ben-Gavriêl immer wieder für eine politische Verwirklichung zur Überwindung von Nationalismus und Krieg  verwendeten Begriffe „Pansemitismus“ und „Panasiatismus“ spielen dabei genauso eine Rolle wie die heftige Auseinandersetzungen und politische Konflikte im Mandatsbereich.

Dabei entsteht ein Mosaik von vielfältigen (Lebens-)Entwürfen auf dem Hintergrund der „herbe[n] grausame[n] Feierlichkeit“ Jerusalems (BG, 27.10.1929), einer Stadt, in der in dieser Dekade auch eine (von den Briten mitinitiierte) prägende  architektonische Veränderung stattfindet. Es sind ja auch die Orte, neben den Ereignissen, die  hier eine große Rolle spielen: die Privatwohnungen und Pensionen/Hotels, die öffentlichen Gebäude und Kultureinrichtungen. Treffpunkte der altösterreichischen Intelligenzia waren auch die zahlreichen Kaffeehäuser in Jerusalem, Tel Aviv und Haifa. (Die Zeitstimmung auch atmosphärisch wiederzugeben ist ein Anliegen dieser Arbeit!)

In den bisherigen Ausführungen habe ich bereits wiederholt einzelne Quellen angeführt, in denen sich biographische und weitere Details zum Dissertationsthema finden lassen. Im Rahmen eines dreijährigen FWF-Projekts werden die Tagebüchern Moshe Yaakov Ben-Gavriêl der Jahre 1933 bis 1945 transkribiert und kommentiert. Zur Kommentierung ist u.a. die Auswertung der Bestände des Teilnachlasses in der Handschriftenabteilung der „Jewish National and University Library“ (JNUL, Jerusalem) von Nöten, der neben den Tagebuchaufzeichnungen von 1917 bis 1956 auch die umfangreiche Korrespondenz, eine (nicht vollständige) Sammlung seiner Zeitungsartikel, das Gästebuch, Fotografien und auch Tonbandaufzeichnungen beinhaltet.

 

 

 
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